Im Juli dieses Jahres durften wir Nora, eine ehemalige Legehenne, bei uns aufnehmen. Wie so viele Hennen aus der industriellen Eierproduktion hatte auch sie ein schweres Leben hinter sich – geprägt von Ausbeutung, Enge und gesundheitlichen Belastungen.
Vor Kurzem musste sich Nora einer aufwändigen Operation unterziehen: Zwei Zysten, zwei sogenannte Windeier (Eier ohne feste Schale) sowie zwei knotige Gewebeveränderungen (Tumore) mussten entfernt werden. Glücklicherweise verlief der Eingriff erfolgreich – ohne Komplikationen wie Verwachsungen oder innere Verklebungen.
Aktuell befindet sich Nora in der Erholungsphase. Bei uns bekommt sie alles, was sie jetzt braucht: viel Ruhe, sanfte Bewegungsmöglichkeiten und natürlich liebevolle Zuwendung.
Wir hoffen sehr, dass Nora sich weiterhin gut erholt und noch viele gesunde Monate – vielleicht sogar Jahre – bei uns verbringen darf.

Warum müssen Legehennen so häufig operiert werden – und was steckt dahinter?
Noras Erkrankung ist kein Einzelfall. Sie steht exemplarisch für die gesundheitlichen Belastungen, denen Legehennen in der industriellen Eierproduktion tagtäglich ausgesetzt sind. Viele dieser Tiere erkranken schwer – insbesondere am sogenannten Legedarm. Operationen wie die, die Nora hinter sich bringen musste, sind keine Seltenheit, sondern eine direkte Folge jahrzehntelanger Zucht auf Hochleistung. Hier sind die wichtigsten Aspekte:
a) Extremleistung bei Eiproduktion
Ursprünglich lag die Legetätigkeit von Hühnern (bzw. des wildlebenden Vorfahren, dem Red Junglefowl) bei wenigen Eiern pro Jahr. So wird etwa angegeben, dass Wildhennen etwa 10‑15 Eier pro Jahr legen.
Heute hingegen werden in der kommerziellen Legehennenhaltung Werte von 250‑300 Eiern pro Jahr oder mehr angegeben.
Diese enorme Steigerung war möglich durch jahrzehntelange Zucht, Fütterung und Haltung.
b) Körperliche Belastung durch Kalzium‑ und Knochenstoffwechsel
Jedes Ei verlangt der Henne enorm viel ab: Für die Bildung der Eierschale werden pro Ei etwa 2 Gramm Kalzium benötigt – das sind rund 10 % des gesamten Kalziumvorrats im Körper.
Gleichzeitig wird dieser Kalziumbedarf oft nicht nur durch die tägliche Ernährung gedeckt, sondern es wird Kalzium aus den Knochen mobilisiert.
Daraus resultiert ein erhöhtes Risiko für Knochenschwund (Osteopenie/Osteoporose) und für Knochenbrüche: Eine Studie fand z. B., dass bei kommerziellen Legehennen bis zu ≈85 % Kielelknochenbrüche vorliegen.
c) Der Körper kommt nicht zur Ruhe
Der Organismus einer Legehenne befindet sich durchgehend im Produktionsmodus – Ruhephasen gibt es kaum. Der Reproduktionsapparat ist pausenlos aktiv, was zu chronischer Erschöpfung und schwerwiegenden Folgeerkrankungen führt.
Sobald die Legeleistung nachlässt – meist nach 12 bis 18 Monaten – gelten die Tiere als „ausgedient“ und werden im wirtschaftlichen System ausgesondert und zum Schlachthof verfrachtet. Viele überleben diesen Kreislauf nicht.
d) Legedarm-Erkrankungen: Wenn der Körper streikt
Besonders häufig sind Erkrankungen des sogenannten Legedarms – dem Teil des Körpers, der für die Eibildung zuständig ist. Zu den häufigsten Problemen zählen:
- Windeier (Eier ohne harte Schale)
- Schichteier (mehrere Schichten Eihaut)
- Bauchraumstauungen durch zurückgehaltene Eier
- Zysten, Verklebungen, Tumore oder chronische Entzündungen
Diese Erkrankungen entstehen häufig durch die dauerhafte Überbeanspruchung des Fortpflanzungstrakts – zusätzlich begünstigt durch hormonelle Dysbalancen und Stress.
e) Warum Operationen wie bei Nora?
Bei Nora mussten zwei Zysten, zwei Windeier und zwei Tumore operativ entfernt werden. Glücklicherweise konnte alles erfolgreich beseitigt werden – ohne innere Verklebungen oder Komplikationen. Aber ihr Fall zeigt: Die körperlichen Folgen der Hochleistungszucht sind real, schmerzhaft und oft lebensbedrohlich.
Und jetzt hat sie endlich die Chance auf ein Leben, das nicht mehr von Ausbeutung, sondern von Fürsorge geprägt ist. Ein Leben, in dem sie einfach Huhn sein darf – mit Ruhe, Sicherheit und Zuwendung.

Was bedeutet das?
Nora bekommt bei uns eine Auszeit vom Hauptdruck der Legetätigkeit. Wir möchten mit dieser Geschichte auch sensibilisieren: Viele Konsument*innen denken bei Eiern nicht an die Tiere dahinter.
Sie ist ein Symbol dafür, dass es auch anders gehen kann: Ein Leben nach der Legetätigkeit, eine zweite Chance – mit Fürsorge und Respekt. Gleichzeitig zeigt ihre Geschichte exemplarisch die Produktionsbedingungen, unter denen viele Legehennen heute stehen: enorme Leistungsanforderungen, gesundheitliche Belastung, kurze Nutzungszeit.
Wir möchten euch als Besucher*innen unserer Webseite einladen, über den Tellerrand hinauszublicken: Jedes Tier verdient ein gutes Leben – auch nach dem Ende seiner „Produktionsphase“. Und Menschen, die sich dafür einsetzen können mit kleinen und großen Entscheidungen unterstützen.